The Scientist
Januar 22, 2008 von bonifratz
So, jetzt geht das mit der Musik los. Ich musste eigentlich gar nicht lange überlegen, welchen Titel ich hier als ersten bequatschen will: Meine erklärte Lieblingsband heißt Coldplay, ihr bestes Album ist meiner Meinung nach A Rush of Blood to the Head, und das beste Lied von diesem Album ist zweifelsohne The Scientist. Also fangen wir damit an!
Hier, schauts euch erst mal an:
The Scientist gehört auf jeden Fall zu Coldplays ruhigeren Liedern. Während sie sich sonst meistens im Bereich Alternative Rock / Britrock bewegen, kann man diesen Song wohl in etwa als Britpop bezeichnen.
Die Akkordfolge ist (wie bei den meisten richtig schönen Liedern) ganz harmlos: Dm7, Bb, F, Fsus2 (z. T. C/F) in den Strophen und im Outro; Bb, F, Bb, F, C/F, C im Refrain (mit einigen kleineren Variationen).
Ich liebe Lieder, die in einer Molltonart geschrieben sind, dann aber eine starke Betonung auf die parallele Durtonart bzw. die dritte Stufe legen (hier geschieht das durch das F, das in den Strophen ganze vier Takte lang im Bass bleibt). Ein anderes typisches Beispiel wäre Wires von Athlete, zu dem ich sicher auch mal noch was schreiben werde.
Beachtenswert ist der Aufbau des Songs, was die Instrumentation angeht: In der ersten Strophe haben wir nur Klavier und Gesang, dann kommen im Refrain die Streicher, in der zweiten Strophe nacheinander akustische Gitarre, Schlagzeug und weibliche Zweitstimmen, im zweiten Refrain eine männliche Zweitstimme, und im Outro die E-Gitarre. Alles steigert sich hin zu dem dramatischen Ende, das zugleich der Anfang ist (siehe Video).
Was den Text angeht: Wie viele andere Britrock-Bands überlassen es auch Coldplay dem Hörer, zu hören, was er will.
Deshalb findet man die Texte auch nicht in den CD-Booklets. Jeder soll das Lied in sein Leben “hineininterpretieren” - schön postmodern halt. Das äußert sich auch darin, dass Chris Martin bei Live-Konzerten gerne mal ein paar Zeilen mit anderem Text als auf den Alben singt. Manche ärgern sich darüber, aber mir gefällt diese Methode eigentlich sehr gut: So kann ich mit (so gut wie) jedem ihrer Lieder ganz persönlich etwas anfangen, jeden Song mit voller Überzeugung mitsingen - auch wenn ich vielleicht über jemand oder etwas ganz anderes singe, als es Chris Martin (der Leadsänger von Coldplay) tut.
Dennoch kann man natürlich darüber spekulieren, was Chris Martin selbst mit dem Text (den ihr euch z. B. auf www.songmeanings.net angucken könnt) sagen will. Der Refrain “Nobody said it was easy / It’s such a shame for us to part” etc. scheint von einer gescheiterten Beziehung zu handeln. In der ersten Strophe würde er ihr dann sagen, wie sehr er sie liebt/vermisst. Die zweite Strophe geht mehr auf das “Scientist”-Motiv ein: “I was just guessing / At numbers and figures / Pulling the puzzles apart / Questions of science / Science and progress / Did not speak as loud as my heart”. Möglicherweise war er der “Scientist”, der die Beziehung durch seine “verkopfte” Art, durch seine Gefühllosigkeit, zerstört hat.
Dagegen geht die Beziehung im Video durch einen tragischen Unfall zu Ende - was aber andererseits auch wieder eine Metapher für die oben genannte “Auslegung” sein könnte.
Wie ein roter Faden zieht sich der Wunsch, “back to the start” zu gehen, durch das ganze Stück. Damit führt uns der Song letzlich auf dieses Grundbedürfnis zurück, das wir alle kennen - die Zeit zurückzudrehen, um die eigenen Fehler rückgängig zu machen, oder um die “guten alten Zeiten” noch einmal zu erleben. Das geht natürlich nicht - aber in diesen wunderschönen viereinhalb Minuten haben wir die Gelegenheit, für einen Moment davon zu träumen.
Sorry, das war jetzt ziemlich schwülstig gegen Ende, aber hört euch das Lied doch einfach ein paarmal an, macht euch euren eigenen Reim drauf, und vielleicht gewinnt ihr es mit der Zeit genauso lieb wie ich.
P.S.: Mit Unterstützung des Oberbloggermeisters habe ich oben rechts so ein “Ohrwurm der Woche”-Widget hingebastelt (danke, Karl!) - ich werd versuchen, da jede Woche nen Song reinzumachen, den ihr euch unbedingt (mal wieder) anhören müsst (keine Sorge, da kommt nicht nur Coldplay hin
). Los gehts mit dem Scientist!
Wow! Ganz schön beeindruckend, was du so alles zu einem kleinen Liedchen zu sagen hast. Das Video lässt sich hier (leider?) nicht laden, aber ich bin ja inzwischen selber ein ziemlicher Coldplay-Experte geworden durch deine unnachgiebigen Überzeugungsversuche und kenn das Lied inzwischen in- und auswendig (naja, einigermassen wenigstens)
Ich find´s ja soweit ganz ok, aber auch nich wirklich mehr… Sorry! Vielleicht liegt´s an der Tonart. Hatte da noch nie so drüber nachgedacht, aber wie du weisst, bin ich nich so n Moll-Fan und irgendwie kommen da vielleicht für meinen Geschmack zu viele Mollklänge durch oder so… Schweiss auch nicht. Egal, freu mich schon auf den nächsten Eintrag!
Naja, genau genommen is das Lied eigentlich nur im Refrain wirklich Moll - hab da selber bisschen übertrieben. Aber es hat ne eher traurige Grundstimmung, da hast Du schon recht.
Anyway, ich bin sicher, dass ich mein Ziel noch erreichen werde…
Wow, echt spannend, was du zu dem Lied gschribe hesch. Super, dassd gad d’Akkörd mitlieferisch… De Afang vom Lied seit ja scho us, dass es en geniale Song isch (Klavier und Gsang
).
Freu mich uf wiiteri Song reviews!